Vater hält sein kleines Kind im Arm

Vatertag: Warum ein Feiertag für Väter nicht reicht

Das Potenzial wäre enorm, wenn wir Väter über den Feiertag hinaus ernst nehmen würden.

Wenn ich Väter frage, was sie sich von ihrem eigenen Vater gewünscht hätten, entsteht meistens eine kurze Stille. Und dann sagen sie fast alle dasselbe: mehr Zeit, mehr Nähe, mehr wirkliche Präsenz. Und eben nicht: mehr Action, mehr Wohlstand oder beruflichen Erfolg.

Diese oft berührende Stille begleitet mich seit Jahren. Weil ich weiß, was sie bedeutet. Dieselben Männer, die mir das sagen, kommen abends nach Hause, legen vielleicht das Telefon weg, schauen ihre Kinder an und spüren, dass da irgendetwas Wesentliches an ihnen vorbeizieht, ohne zu wissen, wie sie es aufhalten sollen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Was Väter sich rückblickend von ihrem eigenen Vater gewünscht hätten, ist fast nie Leistung. Es ist Zeit und Präsenz.
  • Der Reflex, es durch mehr Anstrengung besser zu machen, führt in die falsche Richtung. Mehr ist hier nicht mehr.
  • Wir reden über Vereinbarkeit und meinen fast immer: Wie bekommen wir Mütter in den Beruf? Die zweite Frage bleibt offen: Wie bekommen wir Väter wirklich in die Familie?
  • Dafür braucht es mehr als einen Feiertag: Arbeitgeber, die Väter adressieren, Kommunen mit Räumen zum Lernen, und eine Kultur, die erschöpfte Väter nicht mit desinteressierten verwechselt.
  • Kinder brauchen anwesende, lernende, bewusste Väter. Kaum einer von uns hat gelernt, wie das geht, und kaum einer sieht, wie groß der gesellschaftliche Hebel darin liegt.

Die Stille nach der Frage

Keiner von uns will das so. Doch unsere Lebensrealitäten, unsere Erwartungen, unsere Überforderung und Unsicherheiten sorgen dafür, dass wir uns selten so verbunden und entspannt fühlen, wie wir uns das selbst gewünscht hätten.

Auch wenn das am so oft durch Bollerwagen-Klischees entstellten Vatertag vielleicht anders ist: An zu vielen Tagen des Jahres sind wir nicht so da, wie es gut für unsere Kinder wäre. Und wir wissen das ziemlich genau.

Viel zu oft haben wir deshalb ein schlechtes Gewissen, schämen uns insgeheim und versuchen, doch noch ein bisschen besser zu optimieren, noch mehr zu leisten. Denn irgendwann muss es ja besser werden. Oder?

Warum mehr hier nicht mehr ist

Meine Erfahrung ist ganz klar das Gegenteil: mehr ist nicht mehr.

Ein Vater, der sich vornimmt, das Defizit durch Anstrengung auszugleichen, macht den Abend zu einer weiteren Aufgabe. Er plant Unternehmungen, er hat ein Programm, er will, dass diese Stunde zählt. Und genau dieser Anspruch steht der Sache im Weg, weil Kinder sehr genau merken, ob jemand bei ihnen ist oder ob jemand etwas abarbeitet.

Was Kinder brauchen, ist unspektakulärer und schwerer zugleich: dass wir da sind, ohne gleichzeitig woanders sein zu müssen. Dass wir aushalten, wenn nichts passiert. Dass sie uns unterbrechen dürfen. Und genau das lässt sich nicht optimieren, weil der Versuch schon dagegen arbeitet.

Und deshalb führt das schlechte Gewissen fast immer in die falsche Richtung. Es treibt uns zu mehr Leistung, wo weniger Druck nötig wäre. Wie sich dieser Druck im Alltag zeigt, habe ich in Mental Load bei Vätern beschrieben.

Die zweite Frage zur Vereinbarkeit

Wir reden in diesem Land endlos über Vereinbarkeit und meinen damit fast immer: Wie bekommen wir Mütter besser in den Beruf? Eine wichtige Frage, und eine, die noch lange nicht beantwortet ist.

Aber die andere, genauso dringliche, ignorieren wir allzu oft: Wie bekommen wir Väter wirklich in die Familie? So, dass sie wirklich ankommen. Dass sie präsent sind und ihre Kinder das spüren. Dass Mütter sich wirklich in geteilter Verantwortung erleben. Dass Raum entsteht für ein respektvolles Miteinander.

Solange wir nur die eine Hälfte bearbeiten, bleibt die andere, wo sie ist. Das lässt sich in jeder Familie beobachten, in der die Mutter in den Beruf zurückkehrt und die Sorgearbeit trotzdem bei ihr liegt, nur jetzt zusätzlich zum Job. Zwei Berufstätige und eine Zuständige, das geht nicht lange gut.

Der Väterreport 2023 des Bundesfamilienministeriums zeigt dieselbe Lücke in Zahlen: Jeder zweite Vater sagt, er wolle etwa die Hälfte der Betreuung übernehmen. Tatsächlich tun es 21 Prozent. Und die Erwerbsbeteiligung der Väter liegt seit 2008 nahezu unverändert hoch. Zwischen dem Wollen und dem Tun liegt alles, was dazwischensteht, und sicher kein mangelnder Wille.

Was es über den Feiertag hinaus braucht

Dafür braucht es mehr als einen Feiertag. Es braucht Strukturen, die das möglich machen.

Arbeitgeber, die auch Väter in ihren Herausforderungen adressieren. Nicht als Randgruppe in einem Gleichstellungsbericht, sondern als die Männer, die in fast jedem Team sitzen und zwischen dem zerrieben werden, was der Job erwartet und was sie zu Hause sein wollen. Ein Vortrag, der das ausspricht, verändert in einer Organisation mehr, als viele erwarten, weil er ein Schweigen unterbricht.

Kommunen, die Räume schaffen, in denen Väter lernen dürfen. Lernen heißt hier: nicht wissen müssen, Fragen stellen dürfen, anderen Männern begegnen, die dieselben Unsicherheiten haben. Solche Räume gibt es für Mütter seit Jahrzehnten, in Familienzentren, in Kursen, in Netzwerken. Für Väter entstehen sie gerade erst.

Und eine Kultur, die aufhört, erschöpfte Väter mit desinteressierten Vätern gleichzusetzen. Das ist mir wichtig, weil dieser Kurzschluss so verbreitet ist. Ein Mann, der abends nicht mehr kann, ist nicht gleichgültig. Er ist am Ende seiner Kraft, und die Unterscheidung macht einen gewaltigen Unterschied dafür, ob er Hilfe bekommt oder Verachtung.

Und schließlich Männer, die sich selbst und ihr Potenzial ernst nehmen. Das ist der Teil, den uns niemand abnimmt. Alle Strukturen der Welt nützen nichts, wenn wir das Angebot nicht annehmen, weil wir insgeheim glauben, dass Vatersein etwas ist, das nebenher läuft.

Der Hebel, den kaum jemand sieht

Kinder brauchen anwesende, lernende, bewusste Väter. Männer, die sich darauf einlassen, dass familiäre Verantwortung uns radikal verändern kann. Und muss. Denn kaum einer von uns hat gelernt, wie das geht. Die meisten haben einen Vater erlebt, der arbeitete, und daraus lässt sich schwer ableiten, wie man präsent ist.

Was dabei kaum jemand im Blick hat, ist die Größenordnung. Wenn Väter in ihre Rolle kommen, verändert das nicht nur eine Familie. Es verändert, wie viel eine Mutter arbeiten kann. Wie ein Kind später mit Nähe umgeht. Ob ein Junge lernt, dass Fürsorge Männersache sein darf. Ob eine Tochter erlebt, dass ein Mann zuhört. Und es verändert, was in zwanzig Jahren normal ist, weil Kinder weitergeben, was sie erlebt haben.

Ich glaube, das ist der größte unterschätzte Hebel in der Familienpolitik. Wir behandeln Väterarbeit als Nettigkeit, als etwas Zusätzliches, das man macht, wenn Geld übrig ist. Dabei hängt daran ein Teil der Antwort auf Fragen, die uns gerade umtreiben: Fachkräftesicherung, psychische Gesundheit, die Einsamkeit von Männern, die Stabilität von Familien nach Trennungen.

Ich freue mich über jeden Mann, der am Vatertag innehält und wahrnimmt, wie wesentlich und wundervoll diese Verantwortung ist, die wir geschenkt bekommen haben. Und ich freue mich über jeden Rahmen, der diese Männer darin unterstützt.

Alles Gute zum Vatertag.

Häufig gestellte Fragen zum Vatertag

Wann ist Vatertag in Deutschland?

Immer an Christi Himmelfahrt, also am 39. Tag nach Ostersonntag und damit an einem Donnerstag im Mai oder Anfang Juni. Der Termin verschiebt sich jedes Jahr, weil er am Osterdatum hängt.

Was hat der Vatertag mit Vaterschaft zu tun?

In seiner heutigen Form wenig. Die Herrentagstradition mit Bollerwagen hat sich unabhängig von der Vaterrolle entwickelt. Genau deshalb finde ich den Tag interessant: Er ist eine Gelegenheit, über etwas zu sprechen, worüber sonst kaum jemand spricht.

Was wünschen sich Kinder wirklich von ihrem Vater?

Wenn ich erwachsene Männer frage, was sie sich von ihrem Vater gewünscht hätten, kommt fast immer dasselbe: Zeit, Nähe, echte Präsenz. Nie Wohlstand, nie beruflicher Erfolg, nie besondere Unternehmungen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass es den Kindern von heute anders geht.

Ich bin abends zu erschöpft für meine Kinder. Bin ich ein schlechter Vater?

Nein. Erschöpfung und Desinteresse sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn sie von außen ähnlich aussehen. Der Unterschied ist entscheidend, weil Erschöpfung sich ändern lässt, sobald jemand sie benennt.

Was können Unternehmen konkret für Väter tun?

Das Thema überhaupt auf die Bühne holen, sichtbare Vorbilder in der Führung zulassen, Teilzeit und Elternzeit für Männer ohne Nachfragen ermöglichen und Strukturen schaffen, die Präsenz in der Familie nicht bestrafen. Mehr dazu steht auf der Seite Keynote Speaker.

Was können Kommunen und Träger tun?

Räume schaffen, in denen Väter unter sich lernen dürfen, und Fachkräfte fortbilden, die mit Familien arbeiten. Die meisten Angebote sind historisch auf Mütter zugeschnitten und erreichen Väter deshalb nicht. Dazu gibt es Vorträge und Workshops.

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Carsten Vonnoh
Carsten Vonnoh, Väterexperte und Autor

Väterexperte, Autor und systemischer Familien- & Paarberater (DGSF), Gründer der Vaterherz® Akademie

Mein Buch
Radikal Vater sein

Erscheint am 5. Oktober 2026 · Versus/Vahlen

Mein Podcast
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Carsten Vonnoh Vaterherz Podcast