Vaterherz Podcast · Folge 27 · 5. November 2025 · 16 Minuten
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Worum es in dieser Folge geht
Die Folge davor ging darum, anzuerkennen, wie lost wir als Väter in vielen Dingen sind. Diese hier ist die Gegenbewegung: Was wäre möglich, wenn ich mich wirklich entscheiden würde, statt nur zu reagieren, mich abzulenken oder zurückzuziehen? Was davon, was ich als Vater tue, ist eigentlich meins, und was ist nur Wiederholung meiner eigenen Kindheit oder genau das Gegenteil davon?
Ich spreche darüber, warum viele von uns Männern Angst vor Entscheidungen haben, was diese Angst mit unserer Geschichte zu tun hat und welche vier Spannungsfelder wir aushalten müssen, wenn wir unsere Vaterrolle bewusst gestalten wollen: Selbstfürsorge und Nähe, Kontrolle und Vertrauen, Präsenz und wirtschaftlicher Druck, Tun und Haltung. Eine kürzere Folge, mit einer Frage, die lange nachwirkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die meisten von uns Männern haben Angst vor Entscheidungen, weil wir gelernt haben, dass eigene Entscheidungen selten gut ankamen.
- Beziehung gibt nie völlige Sicherheit. Sie braucht permanente Entscheidung, und genau das überfordert.
- Ich kann als Vater die Dinge radikal zum Positiven verändern, wenn ich mich dafür entscheide. Viele Männer wissen nicht, dass das möglich ist.
- Vier Spannungsfelder bleiben: Selbstfürsorge und Nähe, Kontrolle und Vertrauen, Präsenz und wirtschaftlicher Druck, Tun und Haltung. Keines löst sich ganz auf.
Transkript
Gesprochene Sprache, automatisch transkribiert und behutsam geglättet. Füllwörter und Wiederholungen sind gekürzt, der Wortlaut ist erhalten.
Was wäre möglich, wenn ich entscheiden würde?
Was für ein Vater würde ich sein, wenn ich mich wirklich entscheiden könnte? Wenn ich das verändern könnte, was ich für mich als wichtig erachte? Darum soll es heute gehen, und ich freue mich, dass du mit dabei bist. In der letzten Folge ging es darum, anzuerkennen, wo oder wie wir eigentlich lost sind in so vielen Dingen. Heute soll es in einer kürzeren Folge darum gehen: Was sind das alles für Fragen, die ich mir stellen könnte? Was wäre an Potenzial, an Möglichkeiten da, wenn ich nicht nur reagieren würde, wenn ich aus dieser Ohnmacht heraus nicht nur mich ablenken oder mich zurückziehen würde, sondern wenn ich Dinge sehr bewusst entscheiden würde und dadurch gestalte? Wenn ich nicht einfach nur das wiederholen würde, was ich in meiner eigenen Familiengeschichte, in meiner eigenen Kindheit erlebt habe, oder genau das Gegenteil davon, sondern wenn ich schaue: Was davon ist wirklich meins? Was davon will ich in meinem Leben? Wo entscheide ich mich dafür, und wo entscheide ich mich dagegen?
Ich glaube, die meisten von uns haben Angst vor Entscheidungen. Die haben Angst vor Führung. Wir haben Angst davor, die Konsequenzen auszuhalten, wenn wir Dinge entschieden haben. Und deswegen versuchen wir oft, da drumherum zu gehen, es allen recht zu machen. Und ihr wisst, dass das keine gute Strategie ist, weil wir genau dann das Wesentliche übersehen, was für uns und vielleicht auch für unsere Kinder und die Partnerschaft wichtig wäre.
Also mir die Frage zu stellen: Was ist wirklich möglich, wenn ich entscheiden dürfte, ohne Schuld, ohne Druck, ohne Angst? Auch in dem Wissen, dass das ungewohnt ist, dass das Druck erzeugen kann, dass es schmerzvoll sein kann, wenn ich merke: Okay, ich habe hier eine Entscheidung getroffen, vor der ich mich vielleicht Jahre gedrückt habe, und jetzt habe ich mich getraut, jetzt hatte ich den Mut. Und dann redet ein alter Freund vielleicht nicht mehr mit mir. Oder ich merke, da kommt kein gutes Feedback. Oder ich fühle mich für einen Moment allein, nicht respektiert, nicht angenommen, nicht wertgeschätzt, obwohl ich doch gerade so mutig entschieden habe.
Warum Entscheiden für viele Männer neu ist
Deswegen ist diese Entscheidung für viele von uns Männern auch eine sehr neue Erfahrung. Wir haben gelernt: Wenn wir uns in unserem Sinne entscheiden, aus unserer Erfahrungswelt, aus unserer Emotionalität, aus unserer inneren Mitte, wenn man das so sagen kann, dann hat das oft keinen guten Anklang gefunden. Wir wurden vielleicht abgestraft, abgewertet, oder wir wurden nicht ernst genommen in dem, was für uns eigentlich ziemlich klar gewesen wäre. Da ist so ein Muster drin bei vielen Männern: Ich darf mich nicht so richtig über die Reling beugen, sonst kriege ich Ärger. Da ist immer so eine diffuse Absicherung, bloß keine falschen Entscheidungen zu treffen.
Und ich weiß, wir Männer beschäftigen uns mit so vielen Dingen sehr detailliert, möglicherweise auch, um dann eben doch keine Entscheidung zu treffen, oder nur eine, die so viel Fundament hat, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Ihr wisst mittlerweile, wenn ihr mir schon eine Weile folgt, dass Beziehung nie völlige Sicherheit gibt. Beziehung hat immer auch eine Komplexität, die Beziehung zu unseren Kindern, zur Familie, überhaupt alle menschlichen Beziehungen. Da ist immer Risiko mit drin. Und ich muss immer wieder für mich innerlich abstimmen: Was ist jetzt gerade für mich okay und was nicht? Das braucht im Grunde permanente Entscheidung, und auch das kann immer wieder überfordern. Aber das habe ich beim letzten Mal ausführlicher besprochen.
Warum diese Frage so unsichtbar ist
Warum ist diese Frage eigentlich so unsichtbar, so wenig geklärt? Dieses Potenzial: Was könnte sein, wenn wir eine Ahnung hätten, wie massiv sich unsere Lebenswelt verändert, wenn wir klare Entscheidungen treffen? Ich glaube, viele Frauen, viele Mütter haben eine Ahnung davon, was unser Potenzial als Männer, als Väter ist. Die sehen das, hören das, ahnen das, wünschen sich das. Und gleichzeitig merken sie in der Realität, dass dieser Mut, die Schritte zu gehen, die es dafür braucht, der Mut, Entscheidungen zu treffen, Dinge loszulassen, sich für etwas zu entscheiden, bei den meisten Männern nicht da ist.
Ich kenne es gut von mir. Es gab viele Jahre, und auch jetzt noch manchmal, wo ich mir denke: Hey, das kann so nicht sein, dass ich Angst habe, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Dass ich Angst habe, konfrontiert zu werden mit Dingen, von denen ich eine Ahnung habe, dass sie unangenehm sein werden, von denen ich aber im Grunde auch weiß, dass es gut wäre, sowohl für mich als auch für die gesamte Familienkonstellation. Und trotzdem versuche ich das zu vermeiden, meistens mit einem viel höheren Preis, weil in dieser Zeit, in der ich immer wieder über meine Grenzen gehe, auch über die von anderen, die Verletzungen und die Konsequenzen größer werden.
Diese Frage ist auch deshalb so oft unsichtbar, weil wir vieles anders machen wollen als unsere eigenen Väter, dabei aber nicht mehr so genau wissen, was wirklich meins ist und wo ich die Weichen stellen muss, damit es auch wirklich anders sein kann. Wir haben so viele Rollenklischees in uns, und die werden immer wieder von außen verstärkt, durch Social Media, durch alle möglichen Debatten, dass wir so etwas wie eine eigene Vision für uns selbst, eine Richtung, in die wir eigentlich Entscheidungen treffen müssten, gar nicht so richtig haben. Wir haben dann auch nicht so leicht ein Repertoire, um damit umzugehen, wenn wir diese Entscheidung getroffen haben, wie es ist, in dieser neuen Welt unterwegs zu sein.
Wenn ich zum Beispiel, um das mal ganz platt zu machen, ein eigenverantwortliches Wochenende mit den Kindern gestalte, wo vorher die Mutter meiner Kinder ganz klar einen Plan hatte und ich mich weitestgehend herausgehalten habe, weil ich dachte, ich kann mich darauf verlassen und kümmere mich um das, was mir dann gesagt wird. Eine klare Entscheidung kann in dem Fall auch sein zu sagen: Nein, ich plane heute das Wochenende, oder auch die nächsten Wochen, oder es wird ganz zu meiner Zuständigkeit. Damit bekomme ich wirklich eine Verantwortung, eine Gestaltungsfähigkeit dafür, wie es ist, so einen familiären Rahmen zu halten. Gerade bei kleinen Kindern sind viele Männer unterwegs, die das in der Form noch nie gemacht haben. Ich gehe aber auch davon aus, dass hier eine Menge Männer dabei sind, die das regelmäßig tun. Aber auch da gab es womöglich einen Punkt, wo das sich verändert hat, wo eine Entscheidung stand, durch äußeren Druck oder durch ein inneres Wollen.
Ich kann als Vater die Dinge radikal verändern
Warum es so schwerfällt, will ich hier gar nicht mehr so stark ausführen. Ich glaube, es ist relativ klar: Wir tragen so viel schlechtes Gewissen mit uns, eine Schuld, eine Scham, eine Angst vor der Scham. Wir haben so viel Druck und Überforderung, über die ich immer wieder spreche. Aber ich glaube, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo wir das zwar anerkennen können, uns aber auch immer wieder bewusst machen müssen, dass wir uns anders entscheiden können. Auch das muss ich immer wieder lernen, und ich lerne es immer wieder durch die Menschen an meiner Seite: dass ich im Suhlen in meiner eigenen Überforderung, im Opfersein der Umstände, in der Welt, in der Familie, wie auch immer, meine Vorstellungskraft total einschränke, pessimistisch werde, gelähmt bin in dem, was ich eigentlich gestalten kann.
Ein Satz ist da immer wieder wichtig: Ich kann als Vater die Dinge radikal verändern zum Positiven, wenn ich das will, wenn ich mich dafür entscheide. Viele von uns Männern haben keine Ahnung, dass das überhaupt möglich ist. Es hat viel mit unserer eigenen Erfahrung als kleine Jungen zu tun. Es hat viel damit zu tun, dass wir über die letzten Jahrzehnte immer schön brav funktioniert haben, damit wir bloß nicht getadelt oder abgewertet werden, und dass wir uns selten getraut haben, wirklich andere Wege zu gehen. Ich glaube aber, dass gerade bei den Kindern, in der Erziehung, im Umgang mit unserer Familie, in der Gestaltung einer Welt, die sich gerade so krass verändert, jetzt spätestens die Zeit ist, damit anzufangen, das einzuüben.
Die Angst, dass wir versagen könnten, dass wir nicht gut genug sind, dass wir die Nähe, nach der wir uns eigentlich sehnen, nicht aushalten, dass wir in unserer Verletzlichkeit zutiefst beschämt werden, dass wir in Situationen kommen, mit denen wir emotional überhaupt nicht zurechtkommen: Das sind alles Dinge, die als diffuse Ängste mitschwingen und uns davon abhalten. Ich glaube aber, dass Entscheidungen, dass Vorangehen und Verändern immer auch mit Angst zu tun haben, und dass wir die Dinge dann eben tun oder verändern oder artikulieren, gerade und trotz der Angst, die dabei ist. Angst soll uns schützen, ganz klar. Wenn Angst da ist, wenn wir merken, hier wird es unangenehm, dann merken wir: Das ist vermutlich eine sehr sinnvolle Richtung, in der Veränderung passieren kann.
Und dann kommt als Hindernis dazu, dass so vieles drumherum, die Kindergartenzeiten, die Schulzeiten, unsere Arbeitsabläufe, unsere Arbeitsverträge, die Abläufe, die von allen als Standard gesehen werden, dazu zwingt, überall mitzulaufen und immer weiter zu funktionieren, trotz all der kleinen Lichtblicke von Initiativen, Schulen und Eltern, die versuchen, das anders zu machen.
Die befreiende Kraft der Frage
Ich glaube aber, die Frage, was für ein Vater ich sein will und sein würde, wenn ich mich entscheide, hat eine riesige befreiende Kraft, wenn wir sie zulassen. Was wäre, wenn du wirklich gestalten darfst? Wenn du dich so ernst nimmst, dass du massiven Einfluss hast auf alles, was dir den ganzen Tag über begegnet? Dass vieles von dem, was du als normal ansiehst, auch anders sein kann: dieses ständige Gehetztsein, dieses Sich-nach-allen-anderen-Richten, dieses Immer-wieder-laut-Werden gegenüber den Kindern, dieses fehlende Miteinander in der Partnerschaft, diese Leere, die fehlenden Freundschaften, die vielleicht tiefer gehen könnten. Dass das in der Tat veränderbar ist. Dass das kein Schicksal ist, was uns da alles vorgibt, sondern das Produkt deiner Entscheidungen, und dass immer wieder neue Entscheidungen möglich sind, die das verändern können.
In der Frage steckt auch die Überlegung: Wie möchte ich denn gesehen werden? Als Mann, als Vater, als Partner. Wie will ich gesehen werden von meinen Kindern, von meiner Partnerin, aber vor allem: Wie will ich mich selbst sehen? Was für ein Vater will ich sein, steckt im Grunde dahinter.
Vier Spannungsfelder
Um die Folge nicht allzu weit auszudehnen, gebe ich kurz noch die Spannungsfelder zur Orientierung mit, die das eigentlich einbezieht. Das erste: Wie viel muss ich für mich selbst sorgen, damit ich wirklich Nähe zulassen kann? Was brauche ich, damit ich in gutem Kontakt sein kann, entspannter den Kindern zuhören kann, verletzlich und ehrlich und klar in meinen Beziehungen sein kann? Was braucht es dafür, damit ich ein Stresslevel habe, mit dem ich noch gut umgehen kann, das sich einigermaßen selbstbestimmt und frei anfühlt?
Dann haben wir das Feld von Kontrolle und Vertrauen. Wie viel habe ich über die letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt, die Dinge zu kontrollieren, damit sie mir nicht zur Gefahr werden können, damit es nicht zu viel wird? Und wie viel kann ich mich entscheiden, zu vertrauen gegenüber meinen Kindern: dass sie gut sind, dass sie mir nichts Böses wollen, dass sie sich gut entwickeln, wenn ich für mich sorge und einen guten, liebevollen Rahmen halte? Wo kann ich mich vertrauensvoll öffnen in meiner Partnerschaft, damit daraus wieder etwas Substanzielles, etwas Verbundenes entstehen kann, wo ich vorher vielleicht durch dieses ständige Funktionieren, To-do-Listen-Abarbeiten und Um-alles-Kümmern im Grunde verhindert habe, dass welche Nähe auch immer stattfinden kann?
Ein drittes Feld ist die Gegenüberstellung von dem, was ich immer wieder betone, präsent zu sein in der Familie als Mann, und gleichzeitig diesem wirtschaftlichen Druck, den Standards, die wir haben, dem Normal, dem wir hinterherhetzen, im Konsum, in den Positionen, die wir einnehmen wollen, in dem, was wir auf einer materiellen Ebene oder in einem Kontext von Hierarchie und Prestige erreichen wollen. Wo wir hinter Zielen und Vorstellungen herhoppeln, die uns vielleicht gar nicht so richtig entsprechen, aber wir keine richtige Alternative haben, und vielleicht gerade deswegen kaum wirklich präsent sein können in den Beziehungen, in denen wir es eigentlich sein wollen.
Der letzte Punkt ist, dass das, was wir tun, und das, was wir als Haltung, als Werte eigentlich haben, weit auseinandergehen kann. Dahinter steckt die Frage: Von dem, was ich jeden Tag tue, was ich die letzten Jahre getan habe, was davon entspricht wirklich meiner Haltung? Wenn ich wirklich klar entscheiden würde, mich trauen würde, wie würde sich mein Handeln verändern? Was für eine Haltung müsste ich eigentlich einnehmen, um der Vater zu sein, der ich sein will?
Ihr merkt, da ist eine ganz schöne Komplexität dahinter. Keines dieser Spannungsfelder kann völlig aufgelöst werden. Nichts davon ist wirklich gleichmäßig leistbar, und das ist auch in Ordnung. Dass wir schrittweise in einem dieser Felder ein Stück weiterkommen, immer wieder. Es kann auch sein, dass wir dann drei, vier Schritte zurückgehen müssen, aber dann darauf aufbauen, ein neues Fundament legen, neue Erfahrungen machen, neue Entscheidungen treffen und neu das Gefühl haben: Da bin ich auf einem guten Weg.
Die Einladung
Deswegen bleibt für mich eigentlich nur noch die Einladung, das wirklich aktiv zu tun: bewusst deine Vaterrolle, bewusst deine Partnerschaft, deine Elternschaft auszufüllen, durch eine Ansammlung von kleinen oder großen Entscheidungen, die mehr und mehr dafür sorgen, dass das Leben, das du mit deiner Familie leben willst, das du für dich leben willst, dem entspricht, was du tagtäglich als Realität erfährst. Dazu gehört ein Stück weit radikaler Mut, genau das zu tun: überhaupt zu denken, dann zu tun und dann auszuhalten, was das möglicherweise an Widerspruch bedeutet, für viele Menschen da draußen, die gar nicht auf die Idee kommen, dass da viel mehr oder ganz andere Dinge möglich sind als das, was sie bisher kennengelernt haben.
Ich danke dir, dass du wieder dabei warst, und lade dich ein, mir Feedback zu geben, eine Bewertung im Podcast zu hinterlassen und die Folge weiterzuempfehlen. Bis dahin.
Wenn dir diese Folge etwas gebracht hat: Teile sie mit jemandem, für den sie wichtig sein könnte, und hinterlasse eine Bewertung, damit mehr Väter sie finden. Im Oktober 2026 erscheint mein Buch „Radikal Vater sein“, in dem ich 24 Schlüssel in den vier Dimensionen Selbst, Familie, Beruf und Gesellschaft ausführe. Ein signiertes Exemplar kannst du direkt bei mir vorbestellen.

