Vor der Geburt meines ersten Kindes habe ich zwei Monate Elternzeit geplant. Zwei Monate klangen nach einer großzügigen Entscheidung, nach etwas, das man sich als Vater erst einmal leisten können muss. Heute weiß ich, dass ich damals über den falschen Zeitraum nachgedacht habe. Die Frage war nie, wie lange ich es mir erlauben kann. Die Frage war, welcher Vater ich in den zwanzig Jahren danach sein will.
Der Väterreport 2023 hat dafür einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Die Weichen für die Aufgabenteilung werden nach der Geburt gestellt und danach oft beibehalten. Das heißt, was in diesen Wochen zwischen euch entsteht, läuft weiter, ohne dass ihr es jedes Mal neu verhandelt. Es wird zur Normalität, und Normalität ist schwer zu ändern.
Hier geht es deshalb nicht um Formulare. Es geht darum, was diese Monate mit dir machen: welche Sicherheit du gewinnst, wie sich eure Elternschaft verschiebt, was zwischen dir und deinem Kind wächst, und warum du dabei zum ersten Mal wirklich gestaltest statt zu assistieren. Das Organisatorische steht am Ende, kurz und vollständig.
Das Wichtigste in Kürze
- Was in den ersten Monaten entsteht, bleibt. Der Väterreport nennt es die Weichen, die nach der Geburt gestellt und danach beibehalten werden.
- Sicherheit als Vater wächst aus der Zuständigkeit. Erst wenn niemand danebensteht, lernst du, dein Kind zu lesen.
- Augenhöhe in der Elternschaft hat wenig mit dem Aufteilen von Aufgaben zu tun und viel damit, wer das Denken übernimmt. Wer hilft, bleibt Assistent.
- Die Bindung zwischen dir und deinem Kind wächst durch Wiederholung im Alltag, nicht durch besondere Momente am Wochenende.
- Nimm die Zeit allein. Gemeinsame Elternzeit ist schön, aber die Erfahrung, die dich verändert, machst du, wenn du dran bist und sonst niemand.
Inhaltsverzeichnis
Warum diese Monate die Weichen stellen
2008 haben 21 Prozent der Väter Elterngeld bezogen, bei den 2020 geborenen Kindern waren es knapp 44 Prozent. Das klingt nach einer Bewegung, und das ist es auch. Der zweite Befund aus demselben Bericht ist unbequemer: Jeder zweite Vater sagt, er wolle etwa die Hälfte der Betreuung übernehmen, tatsächlich tun es 21 Prozent. Zwischen dem Wollen und dem Tun liegt fast immer dieselbe Stelle, und sie liegt in den ersten Monaten.
Was in dieser Zeit eingeübt wird, bekommt einen Status, den niemand mehr hinterfragt. Wer nachts aufsteht. Wer weiß, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht. Wer instinktiv reagiert, wenn das Kind weint, und wer erst hinschaut, was der andere macht. Das entscheidet sich in vielen kleinen Momenten, in denen einer schneller ist und der andere zurücktritt, und fast nie in einem Gespräch.
Und ich glaube, das ist der Punkt, an dem die meisten Väter sich selbst im Weg stehen: Sie warten darauf, dass sie sich sicher genug fühlen, um zu übernehmen. Diese Sicherheit kommt aber nicht vor der Zuständigkeit. Sie kommt danach.
Sicherheit: wenn niemand danebensteht
Die Väter, mit denen ich arbeite, beschreiben fast alle denselben Moment. Es ist der erste Tag, an dem sie allein sind. Nicht allein mit dem Kind, während die Partnerin duschen geht, sondern allein für acht oder zehn Stunden, ohne die Möglichkeit, kurz zu fragen. Sie erzählen davon mit einer Mischung aus Schrecken und Stolz, und beides gehört dazu.
In diesen Stunden passiert etwas, das sich nicht abkürzen lässt. Du merkst, dass dein Kind auf dich reagiert. Dass du nach dem dritten Mal ahnst, ob es Hunger hat oder müde ist. Dass du Dinge tust, von denen du vorher nicht wusstest, dass du sie kannst. Und du merkst auch, wie lang so ein Tag sein kann, und dass die Arbeit, die deine Partnerin seit Wochen macht, nicht das ist, wofür du sie gehalten hast.
Kompetenz kommt aus Zuständigkeit
Solange jemand danebensteht, der es besser weiß, bleibst du in der Position dessen, der etwas richtig machen soll. Du fragst nach, du schaust hin, du wartest auf ein Nicken. Das ist keine Schwäche, sondern eine logische Reaktion auf die Lage: Wer geprüft wird, verhält sich vorsichtig. Nur lernst du dabei nichts, weil die Verantwortung woanders liegt.
Sobald sie bei dir liegt, ändert sich das schnell. Du triffst Entscheidungen, manche davon falsch, und dein Kind überlebt sie. Genau das ist die Erfahrung, die dich trägt: nicht das Gefühl, alles zu können, sondern das Wissen, dass du zurechtkommst. Deshalb rate ich fast jedem Vater dazu, mindestens einen Teil seiner Elternzeit allein zu nehmen, ohne Überschneidung. Gemeinsame Wochen sind schön, und sie sind ihre eigene Erfahrung. Aber der Teil, der dich verändert, ist der, in dem sonst niemand da ist.
Über die Muster, die dabei ins Wanken kommen, habe ich in Vaterrolle nach der Geburt ausführlicher geschrieben.
Augenhöhe: vom Helfen zur Verantwortung
55 Prozent der Väter finden, dass kleine Kinder genauso gut vom Vater betreut werden können wie von der Mutter. Anders gesagt: Fast die Hälfte glaubt das nicht. Und diese Überzeugung wirkt, auch wenn sie nie ausgesprochen wird, weil sie darüber entscheidet, wer im Zweifel übernimmt.
Warum „Ich helfe dir“ die Falle ist
Helfen klingt gut und ist trotzdem das Problem. Wer hilft, führt aus, was ein anderer geplant hat. Die eigentliche Arbeit liegt im Denken davor: zu wissen, dass die Windeln zur Neige gehen, dass die U-Untersuchung ansteht, dass die Hose seit zwei Wochen zu klein ist. Wer nur ausführt, hat den Kopf frei und lädt das Mitdenken bei der anderen ab, meistens ohne es zu merken.
Augenhöhe entsteht in dem Moment, in dem du ganze Bereiche übernimmst, mit Entscheidung und mit Folgen. Statt „Sag mir, was ich tun soll“ heißt es dann: „Das mache ich, von A bis Z, und ich mache es auf meine Weise.“ Das ist für beide Seiten unbequem. Du musst Dinge übernehmen, die du nicht beherrschst, und sie muss aushalten, dass du es anders machst, als sie es täte.
Was sich zwischen euch verschiebt
Wenn das gelingt, verändert sich die Paarebene mit. Ihr hört auf zu verhandeln, wer wem wie viel abnimmt. Ihr seid dann zwei Zuständige, die sich absprechen. Und du bekommst etwas, das viele Väter unterschätzen: ein Urteil, das zählt. Wer die Verantwortung trägt, darf mitentscheiden, wie es läuft. Wer nur hilft, gibt dieses Recht ab, meist ohne die Entscheidung je bewusst getroffen zu haben.
Das ist übrigens einer der Gründe, warum diese Monate für die Partnerschaft oft anstrengend sind. Es wird etwas neu ausgehandelt, was vorher selbstverständlich schien. Wie ihr dabei als Paar in Verbindung bleibt, steht in Eltern sein und Paar bleiben.
Die Bindung, die in diesen Wochen wächst
Bindung entsteht nicht durch besondere Momente. Sie entsteht durch Wiederholung: durch das tausendste Wickeln, das Tragen im Flur, das Einschlafen auf deiner Brust, das Zurückkommen nach einem Schreianfall. Ein Kind lernt daran, dass da jemand ist, der zuverlässig reagiert. Und weil es diese Erfahrung bei jedem Menschen einzeln macht, lernt es sie mit dir nur, wenn du da bist.
Feinfühligkeit ist keine Anlage
Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, Mütter hätten einen Instinkt, den Väter nicht haben. Was ich in der Arbeit mit Vätern sehe, ist etwas anderes: Feinfühligkeit ist eine Fähigkeit, die sich mit der Zeit am Kind entwickelt. Wer viele Stunden mit einem Säugling verbringt, liest ihn irgendwann. Wer wenige Stunden verbringt, liest ihn nicht. Der Unterschied liegt in den Stunden.
Das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass nichts an dir fehlt. Und es ist eine unbequeme, weil es bedeutet, dass es sich nicht abkürzen lässt. Präsenz am Wochenende ersetzt den Alltag nicht. Ich glaube, das ist der Grund, warum so viele Väter das Gefühl haben, ihr Kind gehe im Zweifel immer zur Mutter. Es geht nicht zur Mutter, weil sie die Mutter ist. Es geht zu der Person, die es am besten kennt.
Dein eigener Ton
Väter machen vieles anders, und das ist kein Mangel. Anderes Tempo, anderes Spiel, andere Art zu trösten, oft mehr Risiko und mehr Körper. Kinder brauchen beides, und sie unterscheiden sehr genau, bei wem sie was bekommen. Wenn du in der Elternzeit deinen eigenen Umgang findest, bekommt dein Kind eine zweite Sprache dazu, statt eine zweite Ausgabe derselben.
Dein eigener Weg als Vater
Für viele Männer ist die Elternzeit die erste Zeit im Erwachsenenleben, in der sie einen Tag wirklich gestalten. Im Beruf läuft fast alles nach fremder Taktung, nach Terminen, Zielen und Erwartungen anderer. Hier entscheidest du, wie der Tag aussieht: wann ihr rausgeht, was ihr esst, wie lange ihr an der Baustelle stehen bleibt und den Bagger anschaut.
Das klingt banal, und es ist es nicht. Viele Väter erzählen mir, dass sie in diesen Wochen zum ersten Mal gemerkt haben, was sie eigentlich wollen, als Vater und überhaupt. Es entsteht ein Abstand zur eigenen Erwerbsbiografie, der sonst nie entsteht, weil nie Zeit dafür ist. Manche kommen danach anders in den Job zurück. Manche kommen in einen anderen Job zurück.
Und es gibt noch etwas, das ich unterschätzt hatte: Du erlebst dich als jemanden, der etwas aufbaut, das es vorher nicht gab. Eine Beziehung, eine Routine, eine Art, mit diesem kleinen Menschen umzugehen, die nur ihr beide habt. Das ist Gestaltung im eigentlichen Sinn, und sie wirkt auf das Selbstbild zurück.
Das Fundament für die Jahre danach
Wenn die Elternzeit vorbei ist, bleibt nicht die Erinnerung. Es bleiben Selbstverständlichkeiten. Dass du das Kind ins Bett bringst, weil ihr beide wisst, dass das funktioniert. Dass du merkst, wenn etwas nicht stimmt. Dass in eurer Familie niemand erklären muss, warum du früher gehst.
Diese Selbstverständlichkeiten sind das, was in zehn Jahren trägt, wenn es um ganz andere Dinge geht: um Schule, um Pubertät, um die Frage, zu wem dein Kind kommt, wenn etwas schiefgelaufen ist. Ein Kind wendet sich an die Menschen, bei denen es die Erfahrung gemacht hat, dass sie zuhören und bleiben. Diese Erfahrung beginnt sehr früh.
Deshalb würde ich heute jedem werdenden Vater dasselbe sagen: Plane länger, als du dich traust. Zwei Monate sind besser als keiner, und sechs sind etwas völlig anderes als zwei. Die Zeit, die du jetzt nimmst, nimmst du dir nicht von der Arbeit. Du legst sie in etwas an, das die nächsten zwanzig Jahre trägt.
Das Organisatorische in Kürze
Das Formale ist in einem Nachmittag erledigt, wenn du weißt, worauf es ankommt. Elternzeit wird angemeldet, nicht beantragt: Dein Arbeitgeber muss nicht zustimmen, und ab der Anmeldung greift der Kündigungsschutz. Die Frist beträgt sieben Wochen vor Beginn; liegt der Zeitraum zwischen dem dritten und dem achten Geburtstag deines Kindes, sind es 13 Wochen. Seit Mai 2025 genügt dafür die Textform, eine E-Mail reicht also, eine eigenhändige Unterschrift ist nicht mehr nötig (§ 16 Abs. 1 BEEG).
Gerechnet wird in Lebensmonaten deines Kindes, nicht in Kalendermonaten. Wird dein Kind am 15. Mai geboren, läuft der erste Lebensmonat bis zum 14. Juni. Dieser eine Denkfehler kostet an der Elterngeldstelle am meisten, weil falsche Daten zu Lücken in der Zahlung führen.
Teilzeit in der Elternzeit ist möglich, klassisch mit 15 bis 30 Wochenstunden oder im Blockmodell mit Phasen von Vollzeit und Freistellung. Bevor ihr Modelle vergleicht, klärt die Frage dahinter: Was soll die Teilzeit schützen, die Rückkehr in den Job oder die Zeit mit dem Kind? Beides zugleich geht selten auf, und wer das vorher ausspricht, erspart sich die Enttäuschung hinterher.
Das Elterngeld beantragst du nach der Geburt bei der Elterngeldstelle, getrennt von der Anmeldung beim Arbeitgeber. Lass dir den Eingang deiner Elternzeit-Anmeldung schriftlich bestätigen.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel Elternzeit sollte ich als Vater nehmen?
Länger als zwei Monate, wenn es irgendwie geht. Zwei Monate reichen, um dabei zu sein, aber selten, um zuständig zu werden. Die Erfahrung, die trägt, entsteht erst, wenn der Alltag dir gehört und nicht mehr Ausnahme ist.
Lohnt es sich, die Elternzeit gemeinsam mit meiner Partnerin zu nehmen?
Gemeinsame Wochen sind wertvoll, besonders direkt nach der Geburt. Für das, worum es hier geht, brauchst du aber auch Zeit allein. Solange jemand danebensteht, der es besser weiß, bleibst du in der Rolle des Assistenten. Viele Paare legen deshalb einen gemeinsamen Block an den Anfang und einen allein danach.
Ich habe Angst, dass mir die Elternzeit im Job schadet. Zu Recht?
Die Sorge ist verbreitet und oft größer als die tatsächliche Folge. Was ich in Unternehmen erlebe: Väter, die klar ankündigen und die Übergabe sauber machen, kommen fast immer gut zurück. Schwieriger wird es dort, wo niemand vor dir es gemacht hat, weil du dann die Norm mitverschiebst. Das ist unbequem und zugleich das, was es den Nachfolgenden leichter macht.
Was, wenn ich mich der Aufgabe nicht gewachsen fühle?
Das ist der Normalfall, und es ist kein Grund, es zu lassen. Sicherheit kommt nach der Zuständigkeit, nie davor. Nach zwei Wochen allein weißt du Dinge über dein Kind, die du vorher nicht wusstest, und nach sechs kennst du es.
Mein Kind will lieber zur Mutter. Mache ich etwas falsch?
Nein. Kinder gehen zu der Person, die sie am besten kennen, und das ist eine Frage der gemeinsamen Stunden. Wenn du diese Stunden bekommst, verschiebt sich das, meist langsamer als du hoffst und zuverlässiger als du denkst.
Meine Partnerin lässt mich nicht richtig ran. Was hilft?
Ganze Bereiche übernehmen statt einzelner Aufgaben, und sie dann auch auf deine Weise machen. Das verlangt von ihr, etwas abzugeben, und von dir, es auszuhalten, dass es anfangs holpriger läuft. Sprecht darüber, bevor es zum Konflikt wird, und nicht mittendrin.
Wie lange vorher muss ich Bescheid geben?
Sieben Wochen vor Beginn, in Textform, per E-Mail. Weil der Geburtstermin schwanken kann, planst du den Start rechtzeitig vor dem errechneten Termin und passt bei Bedarf an.
Kann ich in der Elternzeit arbeiten?
Ja, bis zu 32 Wochenstunden im Durchschnitt des Monats. Ob das sinnvoll ist, hängt davon ab, was du dir von der Zeit versprichst. Wer nebenher weiterarbeitet, bleibt oft im alten Modus und macht genau die Erfahrung nicht, um die es geht.
Was in den ersten Wochen nach der Geburt zwischen euch passiert, entscheidet mehr als jede spätere Absprache. Worauf es dabei ankommt, habe ich in Vaterrolle nach der Geburt beschrieben.







