Mehr Zeit für mein Kind beim Ex? Ernsthaft?! Ja! Warum das gut und entscheidend für dein Kind ist.
von Carsten Vonnoh
1. Mehr Zeit und Energie für mich: Natürlich ist es offensichtlich, dass, wenn dein Kind beim anderen Elternteil ist, die Möglichkeiten für dich steigen, eigene Dinge zu machen und dich zu erholen. Mutter (und auch ein präsenter Vater) zu sein, ist mindestens ein Vollzeit-Job.
Wenn du dazu noch andere Verpflichtungen hast, wie die meisten, wird es schwierig, sich Freiräume zu schaffen und eigenen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen. Selten gibt es genügend Unterstützung, und es liegt deshalb nahe, die notwendige Energie für die Kinder mit der Person zu teilen, die zu gleichem Teil verantwortlich ist. Stell dir vor, bei aller Sorge, was mit dieser Energie wieder für dich möglich wäre!
2. Liebevoller gegenüber meinem Kind: Wenn du mehr Zeit für dich, deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche hast, fühlst du dich ausgeglichener, selbstwirksamer und zufriedener. Noch wichtiger ist das natürlich mit kleinen Kindern, wo ruhige Nächte seltener sind und oft die volle Aufmerksamkeit rund um die Uhr nötig ist.
Wenn du also mehr „in deiner Mitte“ bist und das Gefühl hast, auch du bist wichtig und es gibt auch Zeit für dich, dann kannst du deinem Kind auch gelassener und liebevoller begegnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass du gestresst bist, dich ärgerst oder wütend wirst, sinkt, und dein Kind kann dich als stabile, aufmerksame und liebevolle Säule seines Lebens wahrnehmen.
3. Ergänzung meiner eigenen Stärken: Natürlich wollen Mütter (und auch Väter) meistens so gut für ihre Kinder da sein, wie es geht. Oft merkst du aber, besonders wenn du an deine Grenzen gelangst, dass dir das nicht immer gelingt und du manchmal lieblos, unachtsam und respektlos wirst, gerade wenn du versuchst, alles selbst (und allein) so gut wie möglich zu regeln und zu entscheiden. Du weißt selbst am besten, wo das gut klappt und wo nicht und wo jemand anderes vielleicht mit weniger Energie hilfreicher wäre. Oft ist das der andere Elternteil, der im Idealfall eine ähnliche Nähe zu deinem Kind hat oder zumindest den Versuch macht, die Bindung zu erhalten oder aufzubauen.
4. Geteilte Verantwortung in wesentlichen Fragen: Schon für Eltern in stabilen Beziehungen ist es oft schwierig, große Entscheidungen für ihr Kind gemeinsam und ohne großen Stress zu treffen. In einer Welt mit unzähligen Möglichkeiten, Hunderten Ratgebern und ständigen „wohlgemeinten“ Ratschlägen aus dem Umfeld fühlen sich nicht nur getrennte Eltern manchmal überfordert. Hier ist es entlastend, wenn du akzeptierst, dass nicht nur EIN Elternteil für wichtige Fragen im Leben eures Kindes verantwortlich ist und ihr die Verantwortung gemeinsam tragt.
5. Vorzüge eines männlichen (und väterlichen) Rollenmodells: Kinder mit sehr engagierten Vätern zeichnen sich durch höhere kognitive Fähigkeiten, erhöhte Empathiefähigkeit und weniger geschlechtsbezogene Stereotype aus. Das heißt, dass dein Kind durch den Umgang mit dem anderen Elternteil herausgefordert wird, anderes Verhalten, andere Regeln und andere Kommunikation zu erleben und zu lernen. Gerade durch den Unterschied wird das Kind in die Lage versetzt, sich selbst kennenzulernen und besonders als Sohn eine Identität als Mann zu entwickeln. Durch diese größere Bandbreite an Erfahrungen und den Kontrast beider Elternteile entwickelt dein Kind seine Fähigkeiten für die Zukunft weiter, als es das je mit nur einem Elternteil könnte.
6. Der Umgang mit dem Ex wird angenehmer: Studien und die Erfahrung vieler Väter mit wenig Umgang haben gezeigt, dass es in der Kommunikation mit dem Vater des Kindes oft einfacher wird, wenn er das Gefühl hat, seine Rolle als Vater auszufüllen und in seinem Wunsch, auch Alltag mit dem Kind zu verbringen, ernst genommen wird. Mittelfristig kann das viel an Druck aus deinem (und eurem) Leben herausnehmen.
7. Weniger Stress in der Zukunft deines Kindes: Neben dem geringeren Stress mit dem Ex ist auch zu erwarten, dass die Beziehung zu deinem Kind entspannter wird. Viele Kinder haben unter der Trennung heftig zu leiden und drücken ihr schmerzvolles Erleben durch Rückzug oder Aggression aus. Wenn eine Stabilität in die Elternbeziehung kommt, eine größere Ruhe bei Vater UND Mutter einzieht, dann spüren Kinder das und gewinnen so wieder mehr Sicherheit. Auffällige Verhaltensmuster können dann weniger werden und die Beziehung zu beiden kann auf ein neues Fundament gestellt werden. Auch langfristig gibt es viele Effekte, die eine stabile Beziehung zum Vater ermöglicht: Zum Beispiel führt die kontinuierliche warmherzige Unterstützung der jugendlichen Tochter zu einem verminderten Cortisolspiegel, einem Indikator für Stress, im Jugendalter. (Vgl. Shulman & Seiffge-Krenke, 1997)
8. Potential beim Vater fördern und die beste Basis für das Kind legen: Gemeinsam verbrachte Zeit und regelmäßige Kommunikation mit dem Vater sind extrem wichtig für die Beziehung zu eurem Kind. Dabei geht es vor allem um „zielloses Zusammensein“, also auch um das Teilen von Alltag. Das ist bei 4 Tagen Umgang im Monat schwer möglich (vgl. Baumgarten, 2016). Gerade Söhne brauchen die Gelegenheit, aktive Väter in ihrem Alltag wahrzunehmen und Erfahrungen zu sammeln, die auch ihr späteres Vatersein positiv beeinflussen. Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass Väter in einer sicheren Bindungsbeziehung im Laufe der Zeit immer feinfühliger und empathischer werden, was positive Auswirkungen auf eure Elternbeziehung und euer Kind haben wird. (vgl. Brown et al., 2012)
9. Weniger Schuldgefühle: Irgendwann wird dein Kind die Frage stellen, warum es keinen guten oder größeren Kontakt zu seinem Vater hatte. Gerade wenn es von dir ein Bild bekommen hat, das sich später nicht mit seiner Wahrnehmung des Vaters deckt, wird es zu schwierigen Zerwürfnissen kommen. Je länger der Umgang mit dem Vater eingeschränkt bleibt, desto höher ist der Schaden. Es wird dich im Zweifel dafür verantwortlich machen, mit allen möglichen Konsequenzen bis hin zum völligen Kontaktabbruch.
10. Die eigene Entwicklung möglich machen: Dein Kind zeigt dir am besten, wo deine dunklen Seiten und Verletzungen aus der eigenen Kindheit sind. Jeden Tag musst du entscheiden, wie du mit ihm umgehst und wie ernst du seine (und auch deine) Bedürfnisse nimmst. Unter Stress kann niemand wachsen! Im Kampf um Unterhalt und Umgang ist kaum Luft, wirklich für ein Kind da zu sein und es auf seinem Weg liebevoll zu begleiten. Keine Energie, den anderen verstehen zu können. Ganz zu schweigen von den vielen ungenutzten Chancen, die in der Auseinandersetzung mit dem Sohn oder der Tochter liegen. Hier merkst du schnell, wo deine wunden Punkte sind, welche Themen du dir eigentlich anschauen müsstest (Wut, Trauer, Hass usw.) und wo die Basis liegt, um bessere Eltern zu werden. Das setzt voraus, dass du deine eigenen Verletzungen ernst nimmst, ohne dass sie dir den Weg zu einer guten Lebenssituation versperren. Niemandem ist am Ende geholfen, wenn ein Konflikt immer weiter eskaliert und jahrelang unnötiges Leid verursacht. Die meisten Mütter und Väter hätten am Anfang nie gedacht, wie kraftraubend, teuer und schlimm die Situation noch werden würde, als sie sich für den Krieg mit dem einst Geliebten entschieden. Beide Elternteile haben Verantwortung für ihren Anteil an der Situation und beide haben die Pflicht, so weit an sich zu arbeiten, dass eine Kommunikation möglich ist, die das Kind in den Vordergrund stellt.
Schluss: Aus meiner Sicht ist jeder einzelne Punkt Grund genug, neu und mit gegenseitigem Verständnis nach tragbaren Lösungen zu suchen. Lösungen, die bei allem Schmerz und allen Schwierigkeiten die Zukunft des Kindes an erster Stelle haben. Probier Neues, versuch zu verstehen, wie es dem anderen mit der Situation geht, und hol dir Hilfe, wenn du nicht weiterweißt.
Pass auf dich auf und überleg bei jeder Entscheidung, ob es gerade ein Schritt ist, der wirklich im Sinne des Kindes ist!
P.S. In meinem
Buch „Up to Dad“ gibt es viele Impulse für eine bessere Elternbeziehung, auch für Mütter.
Zwei Texte, die daran anschließen: zehn Impulse für Mütter und zwanzig Bitten von Kindern an getrennte Eltern. Alle Texte dazu findest du gesammelt in der Übersicht Vater bleiben nach der Trennung.