Ein kleiner Junge hält einen schwarzen Luftballon, an der Wand hinter ihm der große Schatten eines Mannes, der mit einer Nadel nach dem Ballon greift

Warum ich zwischen Vätern in Trennung und verheirateten Vätern nicht unterscheide

Väter vs. Trennungsväter

Das Wichtigste in Kürze

  • Ich unterscheide in meiner Arbeit nicht zwischen getrennten und verheirateten Vätern, weil die Themen mehr Gemeinsames als Trennendes zeigen.
  • Erschöpfung, Wut, Trauer und der Umgang mit Grenzen betreffen Väter in allen Lebenslagen.
  • Väter in Trennung lernen von Vätern in Familien, und umgekehrt: Was in einer Kleinfamilie nicht aus dem Blick geraten darf, zeigt sich in der Trennung am deutlichsten.
  • Am Ende rücken bei allen dieselben Dinge in den Vordergrund: das Kind, die Vater-Kind-Beziehung und die eigene Selbstreflexion.

Warum mache ich keinen Unterschied zwischen getrennten und verheirateten Vätern?

Seit ich mit Vätern arbeite, merke ich, wie schwierig manchmal der Spagat ist, Männer mit Kindern in schwierigen und weniger schwierigen Kontexten anzusprechen. Manchmal bekomme ich Rückmeldungen, dass meine Perspektiven nicht angemessen sind, wenn man(n) z. B. in einer „hochstrittigen“ Familiensituation kaum mehr als 4 Stunden „Umgang“ im Monat hat. Oder aber die Themen Trennung und Umgang mit Erschöpfung, Wut und Trauer in „heilen“ Familiensituationen wenig Anklang finden.

Ein kleiner Junge hält einen schwarzen Luftballon, an der Wand hinter ihm der große Schatten eines Mannes, der mit einer Nadel nach dem Ballon greift

Ich versuche diesen Spagat trotzdem, und ich habe den Eindruck, dass er mir meistens gelingt. Mein Ziel ist es immer, neue Perspektiven und das Verbindende zwischen allen Vätern zu thematisieren, auch das Leidvolle, das Herausfordernde, das Zerstörerische. 

Ich verstehe vollkommen, wenn manche Thesen, manche Themen bei Vätern in schwierigen Lebenslagen zu Aufruhr, zusätzlichem Druck oder (weiterer) Wut führen, weil sie Dinge berühren (oder vernachlässigen), die bei ihnen im Moment so gar nicht in Ordnung sind. Bei allem Versuch, hier ausgewogen zu sein, kann es mir nicht gelingen, jede einzelne Familiensituation zu berücksichtigen. Im Gegenteil, ich möchte vor allem die anstoßen, die sich im möglicherweise immergleichen Gedankenkarussell bewegen, wenig Austausch haben und spüren, dass es einige Themen gibt, die auch schmerzvoll, aber wichtig sind. Mit diesen Themen lohnt sich eine Auseinandersetzung, damit es „am Ende“ besser werden kann.

Warum sehe ich denn nun keine Unterschiede? 

In der Gruppenarbeit, in Seminaren, aber auch in der Einzelbegleitung merke ich, dass die Themen, an denen wir arbeiten, sehr viel mehr Gemeinsamkeiten zeigen als Trennendes. Natürlich gibt es gerade in frischen Trennungssituationen oft andere Prioritäten, Zeiten, in denen vieles erstmal nicht so gelingt, wie es sein könnte. Dennoch sehe ich überwiegend Gemeinsamkeiten bei ALLEN Vätern. 

Vergleichbare Herausforderungen

Wenn ich mich als Vater bewusst dafür entschieden habe, für mein Kind oder meine Kinder Verantwortung zu übernehmen, dann sind die Themen Bindung, Erziehung und Vater-Kind-Beziehung ständig präsent und entscheidend, egal wie intensiv mein Kontakt mit meinem Kind ist. Natürlich macht regelmäßige, alltägliche Anwesenheit bei meinem Kind einen gewaltigen Unterschied. Aber auch die emotionale Greifbarkeit und liebevolle Aufmerksamkeit sind hier entscheidend. Beides kann auch in „stabilen“ Paarbeziehungen unzureichend sein und Männer vor große Herausforderungen stellen. 

Natürlich ist die Kommunikation als Elternpaar theoretisch einfacher, wenn man sich jeden Tag sieht und ohne offene Konfliktthemen begegnen kann. Aber auch das ist nicht immer der Fall, vor allem in den ersten Jahren mit Kind verlieren sich viele Paare aus den Augen. Hier kann oft die Erschöpfung zu Spannungen führen, die den so wichtigen offenen Austausch verhindern. Nicht selten führt dieser Zustand unartikulierter Frustration zu den Trennungssituationen, denen ich später begegne. 

Vater-Kind-Beziehung

Es ist kein Selbstläufer in stabilen Ehen, dass Väter (oder auch Mütter) eine tragfähige Beziehung, eine Bindung zu ihren Kindern aufbauen (wie das mit einem Sohn gelingen kann, habe ich in zehn Tipps für die Vater-Sohn-Beziehung aufgeschrieben). Besonders für Väter, denen es nicht in die Wiege gelegt wurde, liebevoll, achtsam und gewaltfrei mit sich und ihren Kindern umzugehen, können sich hier schmerzvolle Grenzen auftun. Schnell ziehen sie sich zurück oder fallen in alte, fragwürdige Muster.   

Eigene Themen sind überall

Auch wenn ich in einer festen Beziehung mit der Mutter meiner Kinder stehe, gibt es das Potenzial für Konflikte, aber genauso Potenzial, sich (gemeinsam) weiterzuentwickeln, und oft geht das Hand in Hand. Häufig sind es gerade die ungeklärten Themen der kindlichen Vergangenheit, die in Beziehungen mit Kindern erst die Intensität von heftigen emotionalen Eskalationen erklären können. Hinzu kommen Themen wie Stress, Selbstbestimmung, Ängste und Wut. Hier gleichen sich Männer oft mehr, als wir das wahrhaben wollen.

Eine Beziehung kann hier Stabilität und Sinn geben, doch noch lange nicht den Rahmen bieten, sich weiterzuentwickeln und seine „dunklen“ Seiten zu thematisieren. Wenn ich in bestimmten Situationen mit meinem Kind demütigend oder unberechenbar werde, habe ich die Verantwortung, mich damit auseinanderzusetzen, egal wie die aktuelle Familiensituation aussieht! Oft sind solche Themen auch maßgeblich für den Umgang mit anderen einschließlich meiner (Ex-)Partnerin und auch im beruflichen Umfeld.

Herausforderungen gewaltfreier Erziehung

Da viele in unserer Generation in eher autoritären Familiensituationen aufgewachsen sind und Gewalt als direktes oder subtiles Mittel von Erziehung als selbstverständlich, ja unabdingbar angesehen wurde, sind wir oft zutiefst von diesen Erfahrungen geprägt. Das nach wie vor übliche regelmäßige Entwürdigen als Kind, das Ignorieren von eigenen Bedürfnissen und Grenzen und eine Haltung, die alles andere als einer Augenhöhe entspricht, haben ihre Spuren hinterlassen.

Mit etwas Aufmerksamkeit spüren wir das überall, aber besonders im Umgang mit unseren Kindern, besonders unter Stress. Dann zerfallen die hochambitionierten Ideale, „alles“ anders zu machen, und es zeigen sich Verhaltensweisen, die wir sehr viel besser kennen, als uns lieb ist. Verhaltensweisen, die wir niemals selbst zeigen wollten. 

So verantwortungs- und liebevoll wir mit unseren Kindern umgehen wollen, so oft fehlen uns die Alternativen, die Geduld und die Aufmerksamkeit, das auch zu tun. Hier neue Wege zu finden, sich selbst besser zu verstehen und alte Verletzungen zu „heilen“, gehört zu den wesentlichen Herausforderungen aller engagierten Väter. Leider haben hier alle Väter ähnlich wenige Möglichkeiten zum Austausch und zum gemeinsamen Lernen. 

Prävention

In meinen monatlichen Vätergruppen sind zur Hälfte Männer in Trennung, manchmal auch „alleinerziehende“ Väter dabei. Hier ist mir bewusst geworden, dass, auch wenn wir uns mit klassischen „Trennungsthemen“ beschäftigen, immer auch die anderen Väter etwas davon lernen können. Nicht zuletzt können sie ein größeres Bewusstsein dafür bekommen, was in einer Kleinfamilie nicht aus den Augen verloren werden darf. Und so ist dieser Aspekt, vor allem bei den Themen Stress, Überforderung und Grenzen, auch fester Bestandteil meiner Wochenendseminare, in denen wir uns als Gruppe von Vätern von Freitagabend bis Sonntagmittag zusammensetzen, neue Perspektiven einüben und uns gemeinsam weiterentwickeln. 

Gesellschaftlicher Wandel

Die Bedingungen für unsere Kinder werden nicht nur von der heimischen Atmosphäre, sondern auch von den gesellschaftlichen und politischen Prioritäten geprägt. Allein bei der Suche nach einem passenden Kindergarten oder den Möglichkeiten der Vereinbarkeit meines Vaterseins mit meiner Arbeitssituation zeigen sich die Abhängigkeiten, aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten.

Und hier ist für jeden Vater wichtig, dass er möglichst gute Bedingungen für sich und seine Kinder finden und einfordern kann. Dafür braucht es einen intensiven Austausch darüber, was Vatersein im 21. Jahrhundert sein kann und muss, wie wir als Väter Antworten finden, die gut für unsere Kinder, aber auch für uns selbst sind. Völlig unabhängig davon, wie unsere aktuelle Elternsituation aussieht. 

Trotz aller Gemeinsamkeiten

Ich weiß natürlich, gerade aus meiner eigenen schmerzvollen Trennungssituation, dass es auch ganz andere Themen, Prioritäten, eine ganz andere Hilflosigkeit gibt, die andere Männer in „stabilen“ Familienkontexten wenig, vielleicht gar nicht nachvollziehen können. Diese Perspektive bleibt mir persönlich immer präsent, nicht zuletzt durch meine intensive Arbeit mit Vätern in ALLEN Lebenssituationen. 

In der Arbeit mit Vätern in Trennung setze ich zunächst auf die Prioritäten, die im Moment am offensichtlichsten sind. Doch schnell merken viele, dass es doch sehr viel mehr Gemeinsames gibt und am Ende der (ehrliche) Fokus auf das Kind, die Vater-Kind-Beziehung und die essentielle Selbstreflexion in den Vordergrund rücken. 

Um das gut und mit voller Aufmerksamkeit machen zu können, halte ich mich auch weitestgehend aus den rechtlich-politischen Bewegungen und Diskussionen heraus, wenngleich ich einiges davon für wichtig und unterstützenswert halte. Dennoch kann uns eine Institution oder rechtliche Veränderung nur begrenzt dabei helfen, unsere eigenen Verletzungen und gescheiterten Beziehungen zu „reparieren“. 

Wenn du dabei Unterstützung oder Impulse brauchst, meld dich gern direkt bei mir oder schau dir an, wie ich arbeite. 

Alle Texte dazu findest du gesammelt in der Übersicht Vater bleiben nach der Trennung.

Wenn du tiefer einsteigen willst: Im Vaterherz® Podcast spreche ich in vielen Folgen über Vatersein, Partnerschaft und Erziehung. Und in meinem Buch „Radikal Vater sein“, erschienen im Oktober 2026, führe ich 24 Schlüssel in den vier Dimensionen Selbst, Familie, Beruf und Gesellschaft aus. Du bekommst es direkt bei mir, auf Wunsch signiert.

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Carsten Vonnoh, Väterexperte und Autor

Väterexperte, Keynote Speaker und Autor von „Up to Dad“ und „Radikal Vater sein“. Systemischer Familien- und Paarberater (DGSF) und Gründer der Vaterherz® Akademie.

Für Väter: Online-Kurs · Seminar
Für Organisationen: Keynotes · Fachvorträge

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Cover des Vaterherz® Podcasts: Carsten Vonnoh mit verschränkten Armen, darunter der Schriftzug Vaterherz und die Zeile „Bewusst und echt Eltern sein